Donnerstag, 26. Dezember 2013

Hamingja

Von nun an wird die Sonne wieder laenger bei mir verweilen. Wird das Meer zum blitzen bringen, wenn es sich mir entgegen wirft. Wird mich mit angehaltenem Atem einfach dastehen lassen. Den Blick in der Ferne. Den Wind in den Ohren. Und die ueberraschten Fuesse im Wasser, bevor sich die Wellen leise lachend ueber das gewonnene Spiel wieder zurueckziehen.
Mein einst so kleines Flaschenkind hat sich zu einem praechtigen Burschen entwickelt. Mit der Faehigkeit, einen ganzen Eimer Milch auszutrinken. Und einer Vorliebe fuer Rosinenbrot, die ich ihm wohl anerzogen habe.
Selbst der verschwundene Goldfisch ist in gewisser Weise reinkarniert. Einer der verbliebenen Drei hat seine Farbe angenommen.
Die Fenster des Stalls schmuecken Eisblumen. Einer Prinzessin wuerdig.


Donnerstag, 19. Dezember 2013

Að hestur


 Es gibt Situationen im Leben, in denen man sich nicht mehr auf zwei, sondern auf vier Fuessen fortbewegt. Wohlgemerkt nicht den eigenen. Sollte es dazu kommen, so seien dem Betroffenen ein paar wohlgemeinte und der Erfahrung entsprungene Ratschlaege ans Herz gelegt.
Bei der Auswahl eines geeigneten Reittieres laesst man sich am besten von der eigenen Persoenlichkeit leiten. Wer ein aufgeregtes Heupferd bevorzugt, dem sei es vergoennt.
Bevor man sich auf den Weg macht, wirft man dem Pferd allerlei zivilisierende Utensilien ueber. Beim Festziehen des Sattelgurtes ist Mitleid fehl am Platz, da just in diesem Moment in weiser Vorahnung nochmal ganz tief eingeatmet wird. Wenn man also vermeiden moechte, nach dem Aufsitzen in guter alter Old-Shatterhand-Manier kopfueber unter dem Bauch des Pferdes zu haengen,sollte man nach Leibeskraeften an genanntem Gurt zerren. Mangels pistolenzueckender Schurken, die ueberraschend aus dem Hinterhalt auftauchen, ist dieses Kunststueck ohnehin selten bis nie noetig.
Um ueberhaupt auf dem Ruecken des Pferdes zu landen, ist es angebracht, mit Gefuehl vorzugehen. Wer zu schwungvoll ist, findet sich sonst ploetzlich auf der anderen Seite wieder und darf von vorn anfangen. Hier zahlt es sich aus, wenn man ein Pferd der ruhigen Sorte gewaehlt hat, das derartige Versuche gelassen hinnimmt.
Sitzt man ersteinmal oben, konzentriert man sich auf seine eigene Ausgeglichenheit. Dann kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen.
Die nahezu erschuetterungsfreie Gangart des Toelts ist eine wunderbare Erfindung. Das wird vor allem dann bewusst, wenn das Pferd die Laune verspuert, in eine andere zu wechseln. Um den Gang wieder umzulegen, kann man Verschiedenes ausprobieren. Vorlehnen. Zuruecklehen. Schwerpunkt aendern. In der Hoffnung die Schaltung gefunden zu haben auf einen Halswirbel druecken. Wenn alles nichts bringt und man sich immer noch in einem Huckel-Ruckel-Gang befindet, hilft nur Anhalten und Neustarten. Oder Beschleunigen. Im Galopp ueber die Schotterstrasse jagen. Aussicht geniessen nicht vergessen. Und feststellen: Auf dem Weg nach Hause wird auch der gemuetlichste Gaul zum rasenden Rennpferd.

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Smári


Als er geboren wurde, war die Welt noch unwissend und so nannte man ihn den Kleinen. Wer haette auch ahnen koennen, dass aus dem Winzling einmal der groesste Hund von Dalatangi werden wuerde? Mittlerweile ist Smári zum alten Herrn des Hauses geworden. Ein verlaesslicher Bursche, der russische Kommandos beherrscht und genuegend Geduld hat, um mit einer Entenschar spazieren zu gehen. Ein findiger Kopf, fuer den kein Futter unerreichbar ist. Ein verstaendnisvoller Zuhoerer mit melancholischen Bersteinaugen, von denen eines zwinkert, wenn er dich ansieht.
In dem starken Koerper steckt ein zarter Charakter. Wenn du zu viel Krach machst, kann es sein, dass Smári einfach nach Hause laeuft. Dann rennt er, als seien Gewitterwolken hinter ihm her. 
Seine Leidenschaft gilt den Steinen. Darunter, dass oft wahre Hinkelsteine auserkoren werden, leidet seine Nase. Abhalten kann ihn das jedoch nicht. Zielstrebig traegt er einen nach dem anderen zu dir, bis du auf einem kleinen Gebirge sitzt und mit dem grossen Hund an deiner Seite ueber das Meer schaust. Seine Gesten sind kleine Trostpflaster auf ein von Hundeheimweh wundes Herz. 

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Lopi


Eine tolle Wolle, in die ich mich da rolle! Dalatangis flauschigsten Bewohnern wurde der Pullover ausgezogen. Dabei kam erneut meine bewaehrte Methode zur Anwendung. Anschleichen, packen, festhalten und zum Schertisch bugsieren, so lautet die Theorie. Doch die Wenigsten lassen die Prozedur lammfromm ueber sich ergehen. In der Praxis trifft man auf so manches Rodeoschaf, welches selbst waehrend des Scherens spektakulaere Luftspruenge vollfuehrt. Dabei steht es auf einem Tisch, der sich mit einem Hebel in eine rueckenfreundliche Hoehe befoerdern laesst. Von zwei Seiten gleichzeitig pellen sich die Schermaschinen ihren Weg und entkleiden so an einem Tag fast 80 Schafe.




Ist es erst einmal von seiner Wolle befreit, nehmen die Anderen den Neuankoemmling  genau unter die Lupe.
Bis auch sie im Freien dastehen. Jedes von ihnen traegt nun 2 kg weniger mit sich herum.
Kurios ist, dass selbst der kleinste schwarze Punkt die gesamte Wolle eines Schafes nicht mehr als reinweiss gelten laesst. Die muss dann in einen anderen Sack wandern. Also aufgepasst beim Schafkauf! So mancher Wattebausch entpuppte sich waehrend des Scherens als kleiner Dalmatiner.

Waehrend ich indessen bei Tee und Keksen froehlich vor mich hinhaekel, gibt es fuer die Schafe im warmen Stall nur eine Parole: Heu und Brot, Heu und Brot! Schliesslich muss bis zum Fruehjahr alles wieder drauf sein.


Mittwoch, 27. November 2013

Hvað er klukkan?

Tick tack tick tack. Islaendische Uhren ticken definitiv schneller. Wie sonst konnten drei Monate verschwinden, als waeren sie eine Karamellschnecke in der Reichweite von Prinzessin Kuh? Dass die Haelfte meiner Zeit hier schon um sein soll, beunruhigt mich. Lenken wir uns also mit einem kleinen Résumé ab. Das islaendische Wetter ist abwechslungsreich. Ueberraschend abwechslungsreich. Jeden Morgen darf man gespannt aus dem Bett huepfen. Sonne, Schnee, Nebel, Regen? Das Gluecksrad wuerde nicht anders entscheiden. Manchmal leiht es sich sommerliche Temperaturen aus. Ob ihr es glaubt oder nicht. Am 26. November 2013 um 18 Uhr wehte ein launischer Westwind 20,1 °C herueber. Soviel zu der Frage mit den Iglus. Ja, es wird immer spaeter hell und immer frueher dunkel. Das ist jedoch kein Grund zur Panik. Kleine Siebenschlaefer bekommen so endlich die Gelegenheit, sich des Aufstehens bei Sonnenaufgang zu ruehmen.
Das Nahrungsangebot ist reichlich und wider Erwarten sehr vegetarierfreundlich. Das Zauberwort heisst Grænmetisbuff. Auch der kleine Supermarkt hat deutsche Bioprodukte. Das Geld ist eigentlich zu huebsch zum Bezahlen. Die Sprache hat mindestens so viele verzwickte Grammatikregeln wie unsere.
Ueberall trifft man auf Unikate. Vierbeinige und Zweibeinige. Ich moechte beide nicht missen. Eigentlich gar nichts.  

Donnerstag, 21. November 2013

An Bord

Wenn alle Strassen unter einer dicken Schneeschicht liegen, sind das Meer und und kleines Postboot das einzige Verkehrs-und Transportmittel. Zweimal in der Woche kommen Post und Lebensmittel aus Neskaupstaðir, einem Fischerort, der erst im Januar wieder direkten Sonnenschein sehen wird. Bis dahin ist die Sonne zu niedrig und der Berg, der den Fjord umgibt, zu hoch.
Zugegeben, eine eher triste Beschreibung. Wer haette also gedacht, das sich in diesem Winkel Islands ein Baumarktinhaber verbirgt, der gleichzeitig Autohaendler ist und regelmaessig in Norddeutschland bei einer alten Dame Kaffee trinkt? Die Welt ist klein und wunderlich. 
Mich hat er gleich als deutschen Touri enttarnt. Woran das wohl liegt? Nun ja. Wenn man als Einzige zu Fuss auf den vereisten Strassen unterwegs ist und alles fotographiert, was bei drei nicht auf dem Baum oder besser gesagt Strauch ist...


Mittwoch, 13. November 2013

Back to school

Die letzte Woche brachte eine kleine Ueberraschung mit sich. Die Schule des Fjordes veranstaltete einen Tag der offenen Tuer. Das ganze Dorf war eingeladen. Ich auch.
Die an mich adressierte Karte war bunt bemalt und von allen Schuelern unterschrieben. Allen fuenf.
Es sind zwei Maedchen und drei Jungen. Einer von ihnen ist der Sohn der Lehrerin, welche Schulleiterin, Koordinatorin und Kollegium in einer Person darstellt. Sie unterrichtet alle Faecher ausser Sport. Dafuer gibt es ihren Mann. Was sich wie ein irrwitziger Traum eines deutschen Gesamtschullehrers anhoert, ist manchmal islaendischer Alltag. Keine Sekretaerin, kein Tratsch im Lehrerzimmer, keine Klassenkonferenz. Aber auch keine Stapel unkorrigierter Arbeiten von Schuelern, deren Namen sich keiner merkt.
Was ist allerdings mit der allseits beliebten Gruppenarbeit? Fuer dieses Problem fand sich zumindest an diesem Abend eine integrative Loesung. Wozu hat man schliesslich deutsche Gaeste? Richtig! Um mit Ihnen Pantomime, Memory und Schnitzeljagd zu spielen. Þetta er gaman!

Dienstag, 5. November 2013

Kvikmynd


"Lalala lalala lalala la lalala laaa lalalala la lala la la lalaaaa...Jau! Unser Aschenbrödel! Hurraaa!" Wenn ich es mir recht ueberlege, haette man das Maerchen eigentlich auch hier drehen koennen. Wir haben Schnee, galoppierende Pferde, zu Eiszapfen erstarrte Wasserfaelle und als Zugabe sogar eine Herde Schafe. Prinzessin Kuh erfuellt alle Vorraussetzungen einer garstigen Stiefmutter, der Leuchtturm verwandelt sich in ein Schloss und ob Aschenbrödel nun ein goldenes Pantoeffelchen oder einen Gummistiefel verliert, ist nur eine Frage der Interpretation.  Bevor ich mich jetzt aber ganz in meinen verrueckten Ideen verliere, schreibe ich lieber, wie es mir in der vergangenen Woche ergangen ist. Zuerst gab es einen kleinen Stromausfall, den wir aber mit Hilfe eines Generators und einiger Kerzen wunderbar ueberstanden haben. Dann wurden ein paar islaendische Baeume zu Feuerholz verarbeitet. Und heute habe ich Kekse gebacken. Mit Blaubeeren natuerlich.


Dienstag, 29. Oktober 2013

Vetursöngur


Auf kleinen weichen Sohlen
schleicht sie heran, die weisse Pracht
Und eh' sie sich versieht,
die Welt im feinsten Schnee erwacht
Die Möwe in den Klippen haust
steckt ihren Kopf tief ins Gefieder
der Fuchs das spitze Naeschen kraust
da ist er nun, der Winter wieder
Das Meer wirft schaeumend sich an Land,
geraet ganz ausser Rand und Band.
Der Wind ist schuld, er treibt es an
wuehlt es auf, ja dann und wann
versucht er gar, mich umzupusten
na warte, dir werd' ich was husten!
Das hattest du dir wohl gedacht,
mich als Drachen fliegen lassen,
ein alter Traum,
der neue Phantasie entfacht.
Doch vorerst ruft die liebe Pflicht
verlegen schau' ich in ihr Gesicht
"Verehrte Kuh, heut' leider nicht
kein Ausgang, Sie wissen, das schlechte Wetter...
schon bin ich in Erklaerungsnot,
sehen Sie doch, drinnen ist es viel netter" 
"Papperlapapp, dilettantischer Wicht,
dalli dalli, her mit dem Brot!"

Und da warten dann auch noch mehr hungrige Nasen
Schafe, Pferde, Ziegen und Hasen
Enten und Huehner, die Katze und Hunde,
finden sich ein in mampfender Runde.
Des Lebens Weisheit kommt in stillen Stunden,
und diese eine will ich hier bekunden:
Sitzt in klammen Fingern Frost,
spenden warme Nasen Trost.

 (beim letzten Reim handelt es sich um rebellischen Dadaismus)

Dienstag, 22. Oktober 2013

Froskur, I'm watching you!

Ich stehe vor einem ungeloesten Raetsel.
Vor ein paar Tagen sind vier Goldfische ins Aquarium eingezogen. Bunt, klein und putzmunter. Sie haben fleissig ihr Futter gefressen und sind ihre Runden geschwommen. Bis gestern. Da waren's nur noch drei. Obwohl ich das ganze Aquarium auf den Kopf gestellt habe, ist und bleibt ausgerechnet der typisch orange Goldfisch spurlos verschwunden. Meine Ermittlungen laufen seitdem auf Hochturen. Die Verdaechtigen lassen sich in drei Gruppen einteilen. Da haetten wir die beiden Schnecken, die viel Wert auf ihr harmloses Aeusseres legen. Eine hat sogar Moos angesetzt. Fernerhin ein scheuer Scheibenputzerfisch, der so gut wie nie unter seiner Wurzel hervorkommt. Und schliesslich meine Hauptverdaechtigen. Vier Froesche. Lungern die ganze Zeit zusammen hinter den Algen 'rum und beratschlagen dort sicher, wer das naechste Opfer wird. Zwei von ihnen wurden vorerst in ein zweites Aquarium zwecks Untersuchungshaft gesteckt. Sollte jemand von einem aehnlichen Fall gehoert haben, moege er sich bitte bei mir melden. Bis dahin observiere ich unauffaellig den Tatort und sammle Hinweise. Waere doch gelacht, wenn man diesen Goldfischmoerdern nicht das Handwerk legen koennte!


Und nun etwas zum aktuellen Wetter. Waehrend bei uns der Nebel die Herbstfarben verschluckt,sind die Berge von einer huebschen Schneeschicht bedeckt. Das Bild zeigt den Pass in Richtung Egilstaðir, die einzige Verbindung zur Aussenwelt, vom Boot einmal abgesehen. Auf in die Einsamkeit! Langweilig wird mir bestimmt nicht.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Unterwegs auf Schusters Fuchs

"Huh huh! Muhkuh!" Jeden Abend von Neuem beginnt die Suche nach Prinzessin Kuh. Denn die laesst sich von einem laecherlichen Pseudostromzaun nicht mehr aufhalten und geht neuerdings beliebig ihrer Wege. Und wenn sie dann in der Daemmerung hinter einem Felsen hervorschielt, wirkt sie wie ein zufriedener Osterhase. Habe ich sie aber erstmal gefunden, trottet sie mit der stillen Wuerde eines Verlierers in Richtung Stall. Ihr Sohn hingegen nutzt den Weg dahin, um mir mit seinen neuesten Stierkampffaehigkeiten zu imponieren. Im Kreis bockend und den bulligen Kopf gesenkt, gibt er eine ganz passable Erscheinung ab. Huepfende Zweibeiner, die zuckersuess quietschend seine weichen Ohren knuddeln wollen, schlagen ihn dann aber doch in die Flucht. Das ist anscheinend zuviel fuer seinen maennlichen Stolz. Obwohl ihm die Milch aus Mamas Euter nach wie vor schmeckt. Also spielt er morgens das Muttersoehnchen, abends den jungen Wilden.

Mit dem Meer vor der Haustuer und den Bergen gleich dahinter, nutze ich immer oefter die Gelegenheiten zu Wanderungen und Ausritten. Dabei bin ich sogar schon einem schneeweissen Polarfuchs begegnet. Im Uebrigen ist es eine Unmoeglichkeit, mit drei Pferden eine Picknickpause einzulegen, ohne den Apfel mit ihnen zu teilen. Dafuer darf ich dann aber auch den Pinsel zum Maler bringen.

Montag, 7. Oktober 2013

Velkomin kálfur!

Ole Pontús Gúnnarson!
Hinter diesem Namen verbirgt sich nicht etwa ein altehrwuerdiges Mitglied des islaendischen Parlamentes, sondern mein neuestes Flaschenkind. Eineinhalb Wochen alt, manchmal noch etwas wackelig auf den Beinen und mit den laengsten Wimpern der Welt.
Prinzessin Kuh allerdings benimmt sich noch ausgesprochen stiefmuetterlich. Deshalb gluckert ihre Milch nun ueber den Umweg Nuckelflasche in seinen Magen.
Sechs Liter am Tag saugt der kleine Mann zufrieden in sich hinein und ich bin zum begeisterten Nuckelflaschenhalter avanciert.

In den letzten Tagen habe ich vermehrt den Leuchtturm unsicher gemacht und seine Akustik fuer einmalig befunden. Wann immer es mich jetzt packt, schultere ich meine Gitarre und bin fuer eine Weile im Reich der Musik verschwunden.
Der Leuchtturm von Dalatangi ist ausserdem der Einzige in ganz Island, der im stolzen Besitz eines Nebelhorns ist. Beliebt ist er ohnehin. Nicht umsonst tummeln sich im Gaestebuch die Unterschriften von Touristen aus ganz Europa. Und jeden Abend, wenn die Daemmerung einsetzt, beginnt sein greller Lichtfinger ueber das Meer und die Berge zu wandern.

Drei der Pferde haben sich eine Auszeit verdient und wurden gestern in die Freiheit entlassen. Bis die ersten Schneestuerme kommen, koennen sie getrost ihrer Wege gehen. Dann geht es zurueck nach Hause.
Aber das dauert wohl noch ein Weilchen.



Montag, 30. September 2013

Heimförin


Rostrot, Ockergelb, Moosgruen und Silbergrau. Der Herbst schwingt seinen Pinsel durch die islaendische Landschaft. Bekleckst dabei das Blaubeergestraeuch an den Berghaengen und die Wiesen am Ufer des Meeres. Laesst die Welt in immer neuen Farben schimmern.

Der blaue Fleck auf meinem Knie, von einem wolligen Dickschaedel herruehrend, bemueht sich derweil angestrengt, es ihm gleichzutun. Momentan sind wir wieder bei einem rosigen Lila angelangt.

Ich bemuehe mich dagegen angestrengt, etwas Islaendisch in meinen Kopf zu klopfen.
Ein paar Regeln der Aussprache gefaellig?
U spricht man wie ü, ú wie u, ei wie ey, æ wie ei, ll wie tl, au wie öi, dann sind da noch þ bzw. ð und natuerlich gibt es fuer alles Ausnahmen.

Irgendwer hat mal gesagt, dass die Nerven im Gehirn einer Frau wie ein Spagetthihaufen vernetzt sind. Meiner ist zur Zeit ziemlich verknotet. Einzig wirksames Mittel dagegen : MUSIK. 

Dank des islaendischen Fernsehens habe ich eine neue Entdeckung gemacht: Ásgeir Trausti. Man beachte die Aussprache! Es sollte auf jeden Fall nicht Aasgeier dabei herauskommen. Abgesehen von seinem Namen, macht er ganz besondere Lieder, deren Texte mir das Islaendische ein Stueck naeher bringen.
Takk fyrir!

Montag, 23. September 2013

Rentiere im Exil


Es wird doch nichts mit dem regnerischen, stuermischen Herbst. Oder zumindest nicht so bald. Das islaendische Wetter hat es sich anders ueberlegt und schickt den gewohnten Sonnenschein. Ich habe die Gelegenheit genutzt und bin in den naechsten Fjord gefahren, um Seyðisfjoerður zu erkunden. Ein wirklich schoener Ort. Schoen und uebersichtlich.
Dennoch beherbergt er bei einer Einwohnerzahl von 717 Menschen eine Faehranlegestelle, eine Kirche, eine Einkaufsmoeglichkeit, eine Schule, eine Musikschule, ein Schwimmbad, eine Jugendherberge, ein Krankenhaus, das schwedische Konsulat, mehrere Kunstlaeden, ein Elektrizitaetsmuseum und all das, an dem ich bei meinem Spaziergang vorbeigelaufen bin. Ganz zu schweigen von den alten, daenischen Haeusern, deren leuchtende Farben sich im Wasser wiederspiegeln. Wer auch immer sich also in den Ostfjorden Islands verfaehrt, schlage ruhig den Weg nach Seyðisfjoerður ein!

 Auf der Rueckfahrt bin ich dann zum ersten Mal in meinem Leben Rentieren begegnet. Sie haben den Menschen, der da aufgeregt fotographierend am Wegesrand herumgehuepft ist, geflissentlich ignoriert und sind wuerdevoll weitergetrabt.

In Ermangelung weiterer, spannender Erlebnisse und aus aktuellem politischen Anlass moechte ich jetzt einen Auszug aus Volker Pispers' herrlichem Buch "Gefuehlte Wirklichkeiten" beisteuern.


"Jetzt sagen Se nich, et is schon wieder Montag.
Na, haben sie sich gestern auch verwaehlt? Nach jeder Wahl habe ich dieses komische Gefuehl, dass ich mich verwaehlt habe. Schlimm ist, dass man nicht auflegen und neu waehlen kann. Nein, man muss sich bis zur naechsten Wahl das Besetztzeichen anhoeren. Wir waehlen einfach zu selten. Deshalb lernen wir das Waehlen auch nicht richtig. Man waehlt, man aergert sich, man schwoert sich, das passiert mir nicht noch mal, aber nach vier oder fuenf Jahren hat man vergessen, was man beim letzten Mal falsch gemacht hat. Wir sind nicht waehlerisch genug. Wie wollen Sie auch bei diesem Parteienangebot waehlerisch sein? Jedes Geschaeft mit so einer duennen Auswahl waere doch laengst pleite. Bei unserer notorischen Unfaehigkeit zu waehlen, ist man hinterher schon froh, wenn Stefan Raab nicht Bildungsminister wird. Obwohl, wenn ich darueber nachdenke, es koennte schlimmer kommen!"

Und damit auch von mir: "Bis neulich!"

Montag, 16. September 2013

Wenn man einen richtigen Bergkvist trifft...

vor zwei Tagen...
heute!
Ich wusste es! Nachdem seit meiner Ankunft verdaechtig warmes und sonniges Wetter herrschte, zeigt Island heute sein wahres Nebelregensturmgesicht. Auf den Bergspitzen liegt Schnee und das Meer ist ein tosendes Untier, das sich schaeumend gegen die Klippen wirft. Alles in allem ein Grund zur Freude. Denn jetzt bequemen sich die Schafe von allein ins Tal, anstatt stur auf einem Bergzipfel zu hocken. Schafe, Schafe, Schafe...seit Tagen gibt es kein anderes Thema mehr. An die 250 von ihnen haben wir schon eingesammelt. Jetzt gilt es, die Restlichen aufzuspueren und nach Hause zu bringen. Also klingelt von morgens bis abends das Telefon.
 "Haben zwei Schafe am Mjoifjoerdur gesehen...habe ein Lamm gesehen, aber ohne Mutter... im Tal so und so...jaujaujau..." Und dann geht es los, den guten Hirten spielen. Oft sind wahre Tourischafe dabei, die den Sommer zum Wanderurlaub gemacht haben. Schaf heisst auf Islaendisch uebrigens kind.
Wenn man sie schliesslich in einem Gatter zusammen hat, muessen die fremden Schafe aussortiert werden. Also trennt man immer welche ab und packt sich dann eins. Leichter gesagt, als getan. Und wenn man denkt, jetzt hat man es sicher, haelt man ploetzlich ein Horn in der Hand! Oh Schreck. Dem Schaf geht es gut, aber ich habe von da an nur noch in die Wolle gegriffen.
Gestatten: Lina, kuschelig und hoffnungslos brotsuechtig
Hier irgendwo muss es sein...
Die Abende hier sind sehr gemuetlich. Danke, dass das islaendische Fernsehen englische Filme mit Untertiteln ausstrahlt! Daran, dass immer nur Krimis laufen, koennte man allerdings noch was aendern. Und dass die einzige deutsche Sendung "Sturm der Liebe" heisst...
Lustig wird es, wenn es 10 Minuten lang Nachrichten rein auf Gebaerdensprache gibt. Zuerst habe ich ein anderes Programm gesucht...Pustekuchen. Zu wissen, dass jetzt ganz Island auf einen lautlosen Bildschirm starrt und wartet...Recht so!  So sitze ich schliesslich sonst auch immer da.

Mir geht es hier ausgesprochen gut. Nachdem ich heute dem islaendischen Wetter getrotzt habe, um Prinzessin Kuh vor einer Erkaeltung zu retten, bin ich jetzt wieder warm und trocken. Die Speisekammer fuellen Blaubeersaft und Marmelade. Vielleicht laesst sich sogar noch ein moderater Krimi finden.
Der Herbst kann kommen!

Samstag, 7. September 2013

Maeh maeh! Jaujaujaujau.

Weiche Schale, harter Kern!
Wenn man islaendische Schafe einfangen will, muss man sich zuerst einen Ueberblick verschaffen. Man nehme also ein gewoehnliches islaendisches Auto und brause ein wenig durch die Landschaft. Wenn man weisse Punkte sieht, haelt man an und wartet.
Vorrausgesetzt, man hat diesen angenehmen Teil des Rettir erwischt. Wenn nicht, kraxelt man rufend und mit den Armen fuchtelnd hinter den Schafen her, die partout nicht einsehen wollen, dass der Sommer und damit ihre Freiheit in den Bergen vorbei ist. Ohne die Huetehunde wuerde man sich vermutlich umsonst zum Hampelmann machen. So aber galoppieren die Schafe ins Tal und in die Umzaeunungen. Natuerlich nur unter Protest und nicht ohne den ein oder anderen Fluchtversuch.
Mutter und Sohn sind Meister der Taeuschung!
Wie gesagt, gewoehnlich...
Bald soll es zu niedrigem Ross auf Schafsuche gehen. Dank einem wirklich gutmuetigen Exemplar namens Prins bin ich dafuer nun gewappnet. Im Toelt zu reiten ist unerwartet angenehm. Es sieht bestimmt lustig aus, aber darauf wird hier zum Glueck kein Wert gelegt.
Meine Faehigkeiten im Umgang mit stoerrischen Vierbeinern habe ich ausgebaut. Das muss ich auch, bin ich es doch, die morgens die Kuh mit ihrem Kalb auf die Weide bringt. Prinzessin Kuh bleibt allzugern stehen, zupft hier einen Grashalm, trinkt einen Schluck oder schlaegt ploetzlich die entgegengesetzte Richtung ein. Prinz Kalb steht seiner Mutter dabei in nichts nach. Wir diskutieren das dann immer sehr sachlich aus. Schlussendlich lassen sich alle Tiere mit einem triftigen Argument ueberzeugen: Brot. Aber Vorsicht! Wenn man Prinzessin Kuh die Hand reicht, nimmt sie die ganze Bine...
 

Samstag, 31. August 2013

Undurfagur Ruglingur

Smauri, Saga, Spola, Saumur, Seifur, Skutla, Spirtna...durch meinen Kopf wirbeln islaendische Hundenamen. Das Wirbeln scheint sich in letzter Zeit zu einer festen Angewohnheit zu entwickeln. Islaendisches Fernsehen, islaendische Zeitung, islaendische Menschen. Ich haette nicht gedacht, dass ich mich jemals ueber einen deutschen Beitrag im Radio derart freuen wuerde.
Zum erstenmal in meinem Leben bin ich Auslaender. Aber das machts nichts. Bis jetzt habe ich nur freundliche Menschen kennengelernt, die mich willkommen geheissen haben. Das aendert allerdings nichts daran, dass ihre Gespraeche wie Wasserfaelle an mir vorbeirauschen. Eine empfehlenswerte Erfahrung fuer jeden, der gern zu sagen pflegt : "Die sollen gefaelligst erstmal die Sprache lernen." ahahahamuhmuhmuh
Das wirkt schon irritiernd, wenn dein Gegenueber seinen Satz mit "Jaujaujaujau"anfaengt.

Aber Kopf hoch, wenn ich zurueck bin, rede ich vielleicht genauso. Die umliegende Natur macht alles wieder wett. Verpflegung auf Wanderungen ist nicht noetig. Aus jeder Quelle kann man trinken und ausserdem latscht man sowieso an Tonnen von Blaubeeren vorbei. Beobachtet wird man nur von verwundert dreinblickenden Schafen.
Das Meer ist mein staendiger Begleiter. Ebenso die Hunde, die wie Pfeile ueber die Klippen rasen. Ich klettere natuerlich nur vorsichtig hinterher. 
Zwei von meinen elf Rabauken.
Am Mittwoch habe ich Nordlichter gesehen. Es ist, als wuerde jemand ueber den Nachthimmel malen.

Neueste Erkenntnisse:
eine Gitarre klingt auch mit 5 Seiten,
du kannst dein Auto ruhig fuer einen Moment auf der Strasse parken,
wenn du ein Schaf siehst, hupe!,
wenn du nichts verstehst, laechle.




                                  

Samstag, 24. August 2013

Lebenszeichen

So. Immer huebsch der Reihe nach. Wundert euch bitte nicht ueber die Rechtschreibung. Ich finde auf dieser Tastatur kein ue. Also mache ich es ganz historisch.
Dienstag frueh machte sich die Faehre in Richtung Island auf. Dort hat sie mich nach 2 Tagen auch ordnungsgemaess abgeliefert. Die Armen Irren, die aus Deutschland in die Einsamkeit fluechten wollen. Vergesst es! Die deutschen Rentner erobern jedes Land dieser Erde. Die Faehrfahrt habe ich trotzdem gut ueberstanden. Wenngleich Seegang und Westerwelleinterviews eine gefaehrliche Kombination ergeben! 



Der zweite von rechts ist mein geduldiger Reitlehrer.

Wenn man nach Dalatangi fahren will, muss man waghalsig in Serpentinen ueber einen Pass fahren. Trotzdem rechne ich jede Minute damit, dass hier ein Reisebus auftaucht. Deutsche Rentner haelt eben nichts auf!
Hier ist seit meiner Ankunft schon viel passiert. Ich habe eine Blechscheune gestrichen, mit 5 islaendisch plappernden Menschen an einem Tisch gesessen (einer davon war 99 Jahre alt!), ein paar Worte gelernt, mich vom Sturm wegpusten lassen, Pferde gefuettert, die erste Reitstunde erhalten, mit den Hunden trainiert, Gitarre gespielt und Blaubeeren gepueckert.
Oh ja! Blaubeermarmelade, Blaubeerkuchen, Blaubeeren gefrostest, Blaubeeren pur.
Ich koennte einen Dalatangi Daily Blog schreiben, wenn ich die Zeit dazu haette. Da ich sie aber nicht habe, geht es nun in die Falle. Bis zum naechsten Sabbat, meine Getreuen!
  

Samstag, 17. August 2013

"Auf, auf!", sprach der Fuchs zum Hasen

Dies ist die erste Ausgabe des Dalatangi Weekly. Die Redakteurin sitzt zwar noch in Deutschland fest, möchte ihrer Vorfreude und Ihrem Lampenfieber aber schon vor Antritt der Reise Ausdruck verleihen.

Ein Teil von mir kann es kaum erwarten, die Fähre zu betreten, der andere würde sich am liebsten unter dem Sofa verkriechen und eine Weile nicht mehr hervorkommen. Ich denke aber doch, dass sich der Letztere fügen wird.
Meine bessere Hälfte hat sich heute Morgen wie gewohnt unzählige Male in einen Tümpel gestürzt, sich beim hastigen Treppenhochrasen fast die Beine gebrochen und schläft nun den Schlaf der satten Unwissenden.
Wie ist es überhaupt gekommen, dass ich mich morgen in den hohen Norden aufmache und auch noch den ganzen Winter dort verbringe? Wirklich erklären kann ich es nicht. Ich kann nur Danke dafür sagen, dass ich die Gelegenheit zu dieser einmaligen Erfahrung bekomme.
Ich kann nur sagen: Kinder, lernt fleißig Englisch! Denn es wird die Zeit kommen, da es euch ungeahnte Türen öffnet. Und lasst keine Brotscheiben unbeaufsichtigt im Herd liegen, wenn ihr sie nur mal eben rösten wolltet. Auf diese Weisheiten erschöpft sich momentan mein unsteter Geist.
Meine lieben Freunde, ich bin nicht aus der Welt. Bis ich wieder ein wenig näher in der Welt bin, werden wir wohl oder übel hiermit vorlieb nehmen müssen.
Sollte mich jemand auf meinem Weg nach Island zufällig sehen: Ich bin der Zipfel wind- und wasserdichter Outdoorjacke, der unter Rucksack, Koffer, Gitarrentasche und Beutel hervorschaut.

Bis zur nächsten Ausgabe grüßt herzlich

Sabine

P.S. Dann kann ich auch berichten, was ich alles vergessen habe. Ich hoffe, nicht allzu viel. Damit niemand auf falsche Gedanken kommt, werde ich hier ein Bild meiner besseren Hälfte veröffentlichen.